TV Tip – Schlank durch Schokolade

Schlank durch Schokolade. Manipulation in der Wissenschaft.

Ich weiß, Schokolade hat nichts mit Vitamin D zu tun. Dennoch ist dieser Film über die Abnehm-Industrie sehr interessant, da er zeigt, wie Studien manipuliert werden können und auch wie die Verflechtung zwischen Medizin, verschiedenen Beratungs-Gesellschaften und der Industrie wirklich aussieht.

Die Redakteure haben verschiedene Diät-Empfehlungen der Deutschen Adipositas Gesellschaft, die sogenannten S3-Leitlinien, unter die Lupe genommen und dabei festgestellt,

dass die vorsitzenden Ärzte auch oftmals in den Gremien der Diät-Firmen sitzen. Sie empfehlen somit Diäten, und bekommen gleichzeitig teilweise Geld von den Firmen, die sie empfehlen. Und das scheint so üblich zu sein.

Arte macht auch deutlich dass ein weiteres Problem ist, dass die Industrie die meisten Studien finanziert – da ist es kein Wunder, dass eine Studie, die so die Wirkung z. B. eines Diätdrinks untersucht, hinterher feststellt, dass dieser Diätdrink Wunder wirkt. Es gibt den schönen Satz „Beiß nicht die Hand die dich füttert“ – ich finde ihn hier sehr passend.

Arte hat daraufhin ein Experiment gemacht, um zu untersuchen, wie leicht man Studien fälschen kann. Sie haben eine Studie durchgeführt, die beweisen soll, dass Schokolade schlank macht. Das ist natürlich völliger Unsinn, und sie wollen wissen, ob sie die Daten so drehen können, dass ihnen dieser Unsinn geglaubt wird.

Sie laden 16 Studien-Teilnehmer, die dafür auch einen kleinen Obolos bekommen, ein und teilen sie in 3 Gruppen auf: eine Interventionsgruppe, die Schokolade isst und Diät hält, und zwei Kontrollgruppen. Eine Kontrollgruppe hält Diät und isst keine Schokolade, die andere isst ganz normal weiter. So kann theoretisch untersucht werden, ob die Schokolade und Diät-Gruppe mehr abnimmt als die Diät-Gruppe ohne Schokolade bzw. die Normalesser, und genau dann könnte der Schluss gefolgert werden, dass Schokolade beim Abnehmen hilft.

Diese Studienteilnehmer müssen erst einen Fragebogen ausfüllen, bevor sie in die Gruppen eingeteilt werden. Anhand des Fragebogens wird entschieden, welche Gruppe passend ist. Und dies ist schon ein Trick, um das gewünschte Ergebnis zu verfälschen: Stellt sich in dem Fragebogen heraus, dass eine Person generell große Probleme mit dem Abnehmen hat, kommt sie nicht in die Interventionsgruppe sondern in die Kontrollgruppe. Somit werden möglichst nur diejenigen in die Schokoladengruppe aufgenommen, von denen man den meisten Abnehm-Erfolg verspricht. Tatsächlich werden bei normalen Studien auch sogenannte „Run-Ins“ durchgeführt – Vortestungen, ob eine Person in die Studie passt, ob sie überhaupt aufgenommen wird oder besser in die Kontrollgruppe passt. Das verfälscht natürlich das Ergebnis.

Am Anfang hat Arte bei ihrem Experiment viele Werte der Studienteilnehmer gesammelt. Sie nahmen so Blut- und Urinproben, auch um festzustellen, ob sich die Werte in der Schokoladengruppe verändern. Je mehr Werte, umso mehr kann man damit hinterher statistisch „spielen“ und sich die Daten rauspicken, die die Wunschhypothese unterstützen – ein zweiter Trick.

Nach 3 Wochen hat man alle Daten gesammelt und ausgewertet – und hier wurde wieder verfälscht. So mussten die Kontrollgruppen vor dem Schlusswiegen erstmal ein großes Glas Wasser trinken – klar, dass sie dann mehr auf der Wage hatten. 2 Studienteilnehmer flogen im Nachhinein raus – dies ist wieder ein üblicher Trick, um das Ergebnis zu verfälschen. Die Studienteilnehmer, die dann scheinbar nicht in die Studie „passen“, werden im Nachhinein rausgerechnet, bzw. es fließt nur der letzte Wert der Person, der noch gestimmt hat, ein, danach wird er herausgerechnet.

Bei der Auswertung haben schließlich die Redakteure nur mit den Daten gearbeitet, die ihre These unterstützen. D. h. sie haben geschaut, ob sie so z. B. einfach die Daten jedes 3. Tages nehmen können, ob dann ein passenderes Ergebnis herauskommt. Wenn man dann z. B. feststellt, dass an jedem 3. Tag die Leute in der Interventionsgruppe am meisten abgenommen haben, dann kann man schön eine Grafik aufbauen, die genau das belegt – dass dabei die Daten der anderen Tage unterschlagen werden, spielt dann keine Rolle mehr.

Letztlich hat ein Daten-Spezialist es geschafft, die Kurven so zu „basteln“ dass zum einen belegt wird, dass die Schokoladengruppe mehr abgenommen hat, und zum anderen belegt wird, dass sich mit Schokolade kein Jojo-Effekt einstellt.

Daraus schrieben die Redakteure einen wissenschaftlichen Text und suchten nach einem medizinischen Journal, das ihre Studie veröffentlichen würde. Natürlich sieht man bei genauerem Hinsehen sofort, dass hier nur Humbug veröffentlicht wird – schließlich ist eine Gruppe nur 4 bis 5 Teilnehmer groß, was zu keinem statistisch relevanten Ergebnis führen kann. Die Frage ist, ob solch eine unseriöse Studie auch veröffentlich werden kann. Und tatsächlich: Für etwas Geld veröffentlicht das „International Archives of Medicine“ ihren Text und somit haben die Arte-Redakteure ihre Studie in einem medizinischen Journal publiziert.

Nun gründeten die Redakteure das „Institut of Diet and Health“ mit einer schicken Webseite und medizinisch komplizierten Texten, um mit ihrer Studie ernst genommen zu werden. Gleichzeitig machen sie eine „Chocolate transformation“ Facebook Seite auf, kaufen dafür Freunde ein, und stellen Testimonial-Videos ins Netz: Sie kaufen so z. B. für nur 15 Dollar das Video einer Amerikanerin, die im Bikini stolz behauptet, mit dieser Schokoladendiät abgenommen zu haben.

Dann schickten Sie eine Pressemitteilung raus – und nach einer Zeit des Wartens schließlich bissen die Medien an:

Zuerst veröffentlichte Bild die Meldung „Wer Schokolade isst, nimmt schneller ab“, und die anderen Medien folgen: Cosmopoliton, Brigitte, RTL und Focus.

Dann schicken sie die Pressemitteilung nach Großbritannien und Amerika raus – und Medien in England, Indien, Australien, Russland, Afrika und schließlich Amerika greifen die Meldung auf. Kein Journalist hat ernsthaft die Studie überprüft, sondern einfach der Pressemitteilung geglaubt.

Tatsächlich ist es sehr schwer, als Nicht-Mediziner Studien zu überprüfen – zum einen sind nicht alle im Netz einfach so zugänglich, zum anderen sind sie in einer Fachsprache gehalten, die ein Nicht-Mediziner nicht automatisch versteht. Auch ich habe Schwierigkeiten, die Original-Texte von Studien komplett zu verstehen.

Bedeutet das, das man keiner Studie trauen kann? Ich persönlich bin tatsächlich skeptisch bei Medikamentenstudien, da dahinter oftmals Konzerne stecken, die die Studien bezahlen. Warum bin ich dann bei Vitamin-Studien weniger skeptisch? Zum einen glaube ich nicht, dass so viele Vitamin-Studien, die veröffentlicht werden, von Vitamin-Firmen finanziert werden. Mit Vitaminen lässt sich einfach nicht das große Geld machen, mit dem man dann Studien finanziert. Zum anderen glaube ich an die tatsächliche Wirkung von Vitaminen wie dem Vitamin D3. Wenn eine Studie von einer positiven Wirkung von Vitamin D3 berichtet, halte ich das für wahrscheinlich. Ich werde allerdings dann z. B. skeptisch, wenn man die Wirkung eines Vitamins mit z. B. der Wirkung eines Antidepressivas vergleicht, weil ich dann nicht weiß, ob hinter dieser Studie wieder Konzerne stehen. Letztlich muss man sich immer die Frage stellen „Cui Bono?“ – Wem zum Vorteil? Oder: Wer profitiert?

Auf jeden Fall kann ich diesen Film nur empfehlen. Er läuft bis zum nächsten Freitag, den 12. Juni auf arte:

http://www.arte.tv/guide/de/052711-000/schlank-durch-schokolade?autoplay=1

Unbedingt anschauen!